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Kommentar: Genossin Merkel

Bericht der Bayrischen Staatszeitung - Kommentar von Roswin Finkenzeller - vom 13. Jan. 2006
Programmatisch ist Angela Merkel, eigentlich Vorsitzende einer dritten Partei, von der FDP zur SPD übergetreten. Vom Beschäftigungsprogramm bis zum Mindestlohn befürwortet sie heute, was sie noch vor einem halben Jahr verabscheut hatte. Vor allem unternimmt sie nicht die geringste Anstrengungen, ihren höchstpersönlichen Wertewandel zu verschleiern oder zu vertuschen.

Sie, die Menschenkennerin, hält die biedere These, die Leute lechzten nach Glaubwürdigkeit, offenbar für Mumpitz. Und siehe da: In aller Grundsatzlosigkeit ist sie von einer belächelten zu einer beliebten Politikerin geworden.
Gerhard Schröder wollte einst unbedingt Kanzler werden. Sieben Jahre später wollte Angela Merkel das gleiche noch viel unbedingter, sehr zum Leidwesen ihres Vorgängers, eines der zahllosen Männer, die Kohls Meisterschülerin unterschätzt hatten. Edmund Stoiber kam mit Müntefering zurecht und hat sich eine Menge darauf eingebildet. Die Kanzlerin kommt mit ihrem Vizekanzler noch viel besser zurecht, denn fürs erste hat sie sich in den Kopf gesetzt, dass die große Koalition ein Publikumserfolg werden soll. Diese Lebensstation ist ihr lieb und teuer. Deshalb gibt sie sich dezent sozialdemokratisch, von der Kernkraft bis zum Kombilohn.
Sollten es kluge Kollegen allmählich mit der Angst zu tun kriegen, kann das der Kanzlerin nur recht sein. Wie sie doch den schlauen Friedrich Merz rechts abserviert hat. Wie sie auf der gleichen Seite den bedeutenden Professor Kirchhof geheuert und gefeuert hat. Wie sie Schröder vertrieb. Wie sie dafür sorgte, dass ihrem politischen Bruder aus Bayern die Berliner Luft zu dünn wurde. Soviel steht fest: Sich mit Frau Merkel anzulegen, ist ein Unterfangen, das sorgfältiger Erwägung bedarf. Das sagte sich Exfreund Westerwelle, als er davon absah, im Bundestag die Regierungserklärung zu zerrupfen. Mit mildem Tadel begegnete er einer Frau, von der er hofft, dass sie ihn eines Tages wieder brauchen könnte. Merkel kann sogar schweigen. Sie teilt dem deutschen Volk einfach mit, dass seine Arbeit aus Wettbewerbsgründen entweder besser oder billiger werden müsse. Da liegt zwar der Hase im Pfeffer, doch ist diese Wahrheit keine sozialdemokratische.

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